Lotte und der leuchtende Käsemond
Es war ein Abend, so sanft und warm, dass man das Gras wachsen hören konnte. Über der Wiese, wo die Gänseblümchen ihre Köpfe neigten, lebte Lotte, eine sehr ordentliche Marienkäferdame. Lotte hatte sieben schwarze Punkte auf ihrem roten Panzer und einen besonders guten Orientierungssinn. Sie hatte ihren winzigen Hängematten-Schlafplatz, gewebt aus Spinnenseide und befestigt an einem großen grünen Blatt, bereits für die Nacht vorbereitet. Die Abendsonne malte lange, goldene Schatten, und Lotte gähnte. Sie war müde. Doch dann roch sie es. Es war kein gewöhnlicher Duft, kein Duft von Tau oder nassem Gras. Es war ein reicher, nussiger, unwiderstehlicher Duft. Es war der Duft von Bauer Franz’ riesigem Käselager! Lotte wusste genau, wo es war – am Ende des Feldes, in der alten Scheune. Normalerweise war sie zu beschäftigt mit Blattläusen und wichtigen Marienkäfer-Dingen, um dorthin zu fliegen. Aber heute Nacht... heute Nacht schien der Duft besonders lockend zu sein, fast wie eine Einladung. "Nur ein ganz kurzer Blick", murmelte Lotte. Sie putzte ihre Fühler, breitete ihre glänzenden roten Flügel aus und hob ab. Ihr Flug war leise, nur ein sanftes Summen in der kühlen Abendluft. Unter ihr sah sie die anderen Insekten, die sich bereits in ihre Verstecke zurückzogen. Die Grillen begannen ihr Schlaflied zu zirpen. Nach einem kurzen Flug erreichte sie die Scheune. Sie schlüpfte durch einen winzigen Spalt im Holz. Drinnen war es dunkel, aber nicht ganz. Dort, in der Mitte des Bodens, lag er: Der riesige, gelbe Käselaib, der aussah wie ein extra heller Vollmond, der vom Himmel gefallen war. Er war so groß! Lotte landete sanft auf einem Holzbrett in der Nähe. Plötzlich hörte sie ein winziges Quietschgeräusch. "Wer ist da?" fragte eine leise Stimme, die klang, als käme sie aus einem Schnurrbart. Lotte blickte hinunter. Dort saß Kasimir. Kasimir war eine kleine graue Maus mit riesigen, staunenden Ohren und einem sehr müden Blick. Er trug eine winzige Kochmütze, die leicht schief saß. "Oh, hallo," sagte Lotte. "Ich bin Lotte, die Marienkäferdame. Ich bin dem Käsegeruch gefolgt. Bist du der Käsewächter?" Kasimir nickte langsam. "Ja. Ich bin Kasimir. Ich passe auf den 'Mondkäse' auf, wie wir ihn nennen. Er ist so groß, dass er fast den ganzen Raum zum Leuchten bringt, findest du nicht auch? Aber es ist eine sehr langweilige Arbeit, Lotte. Ich werde so schläfrig, nur weil ich ihn anschaue." Lotte kletterte näher. Sie bemerkte, dass der Käse kleine, runde Löcher hatte. "Sind die Löcher kleine Fenster, Kasimir?" "Nein," kicherte Kasimir leise. "Das sind Löcher, die schmecken besonders gut! Sie sind wie kleine, luftige Höhlen. Willst du einen Blick hineinwerfen? Ich habe gerade ein winziges Krümelchen gefunden, das abgefallen ist, als ich ihn gestern Abend inspiziert habe." Kasimir holte ein mikroskopisch kleines Stück Käse hervor, das für Lotte riesig aussah. Es war ein perfekter, goldener Würfel. Er schob es vorsichtig zu Lotte. Lotte nahm nur einen ganz kleinen Bissen. Mmmh! Es war der beste Geschmack, den sie je erlebt hatte. Es schmeckte nach Sommerwiese und einem kleinen bisschen Nuss. "Vielen Dank, Kasimir. Das ist wunderbar!" "Gerne," flüsterte Kasimir. Er knabberte an seinem eigenen kleinen Stück. "Erzähl mir von deinem Zuhause, Lotte. Ist es so gemütlich wie meine kleine Ecke hier, direkt neben dem Käsemond?" Lotte beschrieb ihr Blatt, die Tautropfen, die morgens wie Diamanten glänzten, und wie die Sonne durch das Blatt schien und es grün und warm machte. Kasimir erzählte von seinem weichen Nest aus Strohhalmen und wie sicher er sich fühlte, wenn der Duft des Käses ihn in den Schlaf wiegte. Die beiden saßen eine lange, angenehme Weile zusammen, schwiegen manchmal und hörten nur den fernen Geräuschen der Nacht zu – dem Wind, der durch die Bäume säuselte, und dem leisen Knistern des alten Holzes. Lottes Augen wurden schwer. Die Aufregung des Flugs war vorbei, und die Wärme des Käse-Duftes machte sie ganz schläfrig. "Kasimir," gähnte Lotte, "ich glaube, es ist Zeit für mich, nach Hause zu fliegen. Meine Hängematte wartet." "Gute Nacht, Lotte," sagte Kasimir, seine Stimme schon ganz tief und verschlafen. "Träum süß von roten Blättern und sonnigen Morgen." "Gute Nacht, Kasimir," erwiderte Lotte. "Träum du süß vom großen Mondkäse." Lotte hob ab. Sie flog langsam zurück über das Feld. Als sie auf ihr Blatt zuschwebte, sah sie, wie der Mond höher stieg und die ganze Welt in sanftes Silber tauchte. Sie krabbelte in ihre Spinnenseiden-Hängematten, zog das kleine Grashalm-Deckchen über sich und schloss die Augen. Der Duft des Käses war nur noch eine leise, süße Erinnerung. Und noch bevor der erste Stern am Himmel richtig funkelte, schlief Lotte tief und fest und träumte von einem großen, leuchtend roten Käsemond mit sieben schwarzen Punkten. Schlaf gut.
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